Begründung

Warum ein Institut für interkulturelle Islamforschung?

Univ.-Prof. Dr. Elsayed Elshahed
Instituts für Interkulturelle Islamforschung Wien

Die mit zunehmender Spannung beladene Wahrnehmung der Muslime in der europäischen Öffentlichkeit, sowie mangelhafte und fragmentale Kenntnisse einiger Muslime über Kultur, Religion und Sozialstrukturen in Europa. Ebenso die unheilvolle Vermischung zwischen Religion und Tradition unter einigen muslimischen sowie nichtmuslimischen Volksgruppen und nicht zuletzt die heutige verbesserungsbedürftige weltpolitische Lage sind, m. E., für die insbesondere in den letzten Jahrzehnten immer tiefer werdende Kluft zwischen der islamischen Kultur auf der einen Seite und der westlichen Kultur auf der anderen Seite vordergründig verantwortlich.

Dieser unterschwellig geführte „kalter Krieg“ zwischen diesen zwei an und für sich verwandten Kulturen verlangt nach ernsthaften, effektiven und weitsichtigen Gegenmaßnahmen.
 
Die meisten Menschen sehen die Religion des anderen ausschließlich aus ihrer eigenen Warte und projizieren nicht selten ihre eigenen Erfahrungen auf die Anhänger der anderen Religion. Gestörte bzw. unbewusste selektive Wahrnehmung des anderen sowie Pauschalisierung der Urteile und Kollektive Schuldzuweisungen bilden Störfaktoren von erheblichen kulturellen Folgen.

Das Fehlen an klaren Konzeptionen für interkulturelle Erziehung an Schulen und für interkulturelle Forschung an Hochschulen, sowie mangelhafte Objektivität mancher Massenmedien und Politiker vertieft die Kluft zwischen den Kulturen und Religionen. Auch das Fehlen an objektiver Forschung der Reformbewegungen und Entwicklungsgeschichte der beiden Kulturkreisen und Religionen ist ein wesentlicher Grund für die Orientierungslosigkeit im Bereich der interkulturellen Forschung.
Auch die vorherrschende Angst seitens einiger traditionellen muslimischen Volksgruppen vor einer totalen Assimilation durch die Integration ist teils durch den unscharf definierten Begriff „Integration“ und teils durch schwammig konzipierte Integrationspolitik entstanden.

Schulen, Medien und Politik sind die eigentlichen Akteure, die ihre Aufgabe erst richtig erledigen können, wenn sie von der Wissenschaft brauchbare Konzepte erhalten. Gegenseitige Vorwürfe, z. B. Politiker seien nur auf Stimmenfang aus, Medien nur auf Verkaufs- bzw. Einschaltquoten ihrer Produkte fixiert, und Wissenschaftler hätten ausschließlich Karriere und mediale Präsenz im Kopf, bringen uns  in diesem Diskurs nicht weiter.

Allein gut durchdachte realitätsbezogene Entwürfe basierend auf  wissenschaftliche Forschung der islamischen Kultur, durch muslimische und nichtmuslimische ausgewiesene Fachwissenschaftler, können uns aus dem derzeitigen kulturellen Dilemma  herausholen oder zumindest einen konstruktiven Beitrag dazu leisten.

Das sichtbar gewordenes Religionsbewusstsein als ein Identitätsfaktor in der Öffentlichkeit, nicht nur unter Muslimen, ist im Grunde ein positives Phänomen. Aber es könnte sich zu einem Religionismus entwickeln, der keineswegs harmloser als Rassismus oder Nationalismus ist. Mit Religionismus meine ich die nominelle Zugehörigkeit zu einer Religion mit ausgrenzendem Religionsverständnis. 

Die postmoderne, die einen globalen Transfer der Religionen, Traditionen und Kulturen, mit all seinen positiven und negativen Folgen mit sich bringen wird, und einäugige religionistische sowie leitkulturalistische Eifersüchteleien und noch mehr Berührungsängste erzeugen könnte, soll uns dazu veranlassen, diese Entwicklung schon jetzt in die wissenschaftliche Forschung einzubinden und mit gebührender Ernsthaftigkeit und Unvoreingenommenheit anzugehen.

Diesem schwierigen Unterfangen möchte sich unser Neugegründetes Institut für Interkulturelle Islamforschung in Wien stellen. Im Fokus der interkulturellen Islamforschung sollen Verbindende sowie Trennende Elemente zwischen den beiden Kulturkreisen sowie die Problematik der gegenseitigen gestörten Wahrnehmung historisch-analytisch behandelt werden. Dabei ist die Unterstützung aller fachrelevanten Institutionen, Universitäten, Hochschulen bzw. Schulen, Kirchen, Ministerien und Medien für die Arbeit dieses Instituts von wesentlicher Bedeutung, um letztendlich die kulturelle Wahrnehmung des anderen auf beiden Seiten zu sensibilisieren und dadurch eine interkulturelle Koexistenz zu ermöglichen.

E. Elshahed

±